Eine Nachtreise
Irgendetwas liegt heute Nacht in der Luft. Wie im Wachtraum schreiten wir über bodenloses Terrain. Stefan Obermaiers elektronische Beethoven-Reflexionen entführen in ein Wien zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, zwischen Reduktion und Neuanfang. „Old Europe“ als Teil einer Neuen Welt, in der nichts ist, wie es scheint. Transzendenz statt Traktion, Energieschübe statt Ruhepausen. Wir bewegen uns vorwärts, auch wenn es wie ein Zurücklehnen wirkt. Ursache und Wirkung.Die Siebte. Allegretto. Eine trügerische Oberfläche, der man nicht trauen sollte. Unter dem melodiestarken Lamento lauern Schmerz und Leere. Apotheose des Tanzes, Einblick in die dunkle Seite des Menschen. Gleich zu Beginn unserer Reise ein elementarer Moment – nicht der letzte.Die Neunte. Das Allumfassende des finalen Chors schaufelt uns den Weg frei in die dunklen Ecken Wiens. Und kurz vor der Freude schöner Götterfunken schlagen wir Haken, geht’s weiter hinab.Nächstes Level. Die Fünfte. Der Funk. Revolutionsblut spritzt über den Dancefloor. Beethovens titanische linke Hand? Eine durchdringende Bassline!. Die aber hat’s in sich.Die eruptive Leidenschaft der „Appassionata“ erfüllt den Raum mit Sound. Es kommt über uns wie eine Schockwelle. Allegro Assai. Stetes Vorwärtsdrängen. Eruption wandelt sich zu Melancholie. Und als uns „Land in Sicht“ beschwichtigt, öffnet sich prompt eine Falltür, und die Obertöne geleiten uns ins Unterbewusste. Beethoven. Freud. Verlangen. Körper. Traum. Erwachen unter einem Gewitterszenario. Gestrichene Energie. Die Elemente spielen Revolution, der Mensch findet sich als ein machtloses Nichts wieder. Von wegen Pastorale, Schafhirten und derlei Romantizismen. Schlichtweg eine Natur, die sich aus dem Artifiziellen schält. So etwas wie organische Synthese. Roboter aller Länder, vereinigt euch! Und fühlt. Liebe, technoid.Und schon nahen die Echos der „Pathetique“. Beethoven in Dub. Glissandi legen einen Seelenteppich. Wien als Knotenpunkt von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Die Weltklänge werden zum Einklang. Nur Beethovens Wut durchbricht als mahnende Stimme die Seelenruhe. Der Mond färbt sich rot. Gelb. Grün. Öffne deinen Geist und lausche.Geschichtsträchtige Momente. Egmont. Beethoven trifft Goethe. Eine versteinerte Vision von Freiheit soll Trost vermitteln. Revolution, in Streicherklänge gefasst; Glück und Gerechtigkeit, ein allzu erhabener Traum.Pomfüneberer! Eine Beerdigung? Wir selbst tragen die Menschlichkeit zu Grabe, wie Beethoven einst seine Hoffnungen in Napoleon. Was bleibt von seiner heroischen Dritten, ist ein „Marcia funebre“, ein Trauermarsch. Aber der Tod tanzt. Auf unseren Köpfen. Sarkastische Fratze unserer Unzeit. „Muss es sein?“, schluchzen wir. „Es muss sein!“, insistiert Beethoven. Ein Muss auch „Für Elise“. Hinter der Gassenhauer-Fassade aber wartet ein Abgrund. Der Beat führt uns hinab in den Underground. Abtanzen steht an, der Morgen kommt früh genug.Endstation also. Doch vor Tagesanbruch zieht noch ein Sturm auf über der Stadt. Ein Perpetuum mobile, gezügelt nur durch den Groove. Kurz bricht es aus, nur für Momente. Eine einfache, suggestive Melodie schreit uns die Sorgen einer einsamen, rätselhaft vertrauten Seele entgegen. Weit mussten wir gehen, um schließlich bei uns selbst anzugelangen. Katharsis. Es dämmert bereits…
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